Das unternehmerische „Wir“ – DIE Voraussetzung für erfolgreiche Unternehmen

08.11.2021 |

Wie erreicht man ein unternehmerisches "Wir"?

Man könnte sagen, dass es in meiner Beratungspraxis – sei es im Einzelcoaching oder im Teamcoaching – immer darum geht, wieder gut miteinander in Kontakt zu kommen. Themen wie Verbesserung der Zusammenarbeit, Etablierung einer neuen Führungskultur, Einführung von New Work-Elementen, Konfliktklärung: All diesen Themen eint, dass Menschen sich und andere in gutem Kontakt weiterentwickeln. Ganz häufig geht es darum, das „Wir-Gefühl“ zu stärken und mit mehr Authentizität zusammenzuarbeiten. Das Zukunftsinstitut beschreibt diesen kollaborativen Prozess der Zukunftsgestaltung als elementare Stärke: ein Wir-orientiertes Denken und Handeln. Ziel ist es, eine unternehmerische Wir-Kultur zu etablieren, um mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen. Inwiefern sind die Unternehmen, sowohl etablierte als auch Start-ups und die Menschen eigentlich wirklich dazu bereit, dieses „Wir“ zu entwickeln? Und wenn man das möchte – wie macht man das? Davon möchte ich in diesem Beitrag am Beispiel eines Prozesses berichten, in dem die Geschäftsführung ihre Zusammenarbeit auf eine neue Ebene heben möchte – und wieder besser in Kontakt kommen möchte: sich von einer Ich- hin zu einer unternehmerischen Wir-Kultur zu entwickeln.

Um das Beispiel wirklich nachvollziehen zu können, will ich kurz Einblicke in meine etwas „andere“ und sehr wirksame Herangehensweise geben. Ich arbeite hier nämlich mit Elementen der Gestaltberatung nach Perls! Natürlich gibt es viele Methoden und Maßnahmen aus der Teamentwicklung oder auch Organisationsentwicklung. Manche kratzen aus meiner Sicht manchmal doch eher an der Oberfläche. Und natürlich kommt es hier auch sehr auf das tiefere Verständnis und die Haltung der Beraterin an. Im Rahmen meiner 5-jährigen Ausbildung zur Gestaltberaterin lerne ich Methoden kennen, die es ermöglichen, wirklich wieder in guten Kontakt zu kommen und das Vertrauen zu schaffen, das ein verlässliches „Wir“ ermöglicht.

Gestaltberatung: Was ist das?

Begründet haben die Gestaltberatung Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman. Sie basiert, wie viele heutige Beratungsansätze auf therapeutischen Ansätzen basieren, auf der Gestalttherapie. Ziel ist es, eine Stimmigkeit zwischen dem Innen und dem Außen herzustellen. Das klingt philosophisch, ist es auch. Und deswegen braucht es auch eine längere Ausbildung dazu. Aber diese Stimmigkeit führt letztlich dazu, dass im unternehmerischen Kontext ein „Wir“ entstehen kann, in dem ich sowohl meine Individualität erhalten kann (mit dem wichtigen Beitrag, den ich einem Team oder einem Unternehmen liefern kann) als auch ein „Wir“ entsteht, das die (unternehmerische) Entwicklung des Ganzen ermöglicht.

Miteinander – und mit sich – gut in Kontakt zu kommen, erfordert ein paar Grundvoraussetzungen. In der Grafik zeigen sich die 9 Elemente, die auch die Grundlage sein können, um im Einzelcoaching oder Team-/Corporate-Coaching zu vertiefen, was gerade vertieft werden sollte.

Die Grafik zeigt 9 Punkte, die man braucht, um wieder in Kontakt zu kommen: Aufmerksamkeit, Fähigkeit, Offenheit, Vertrauen, Neugierde, Intentionslosigkeit, Spontaneität, Wollen, Achtsamkeit

Quelle: Charlotte Heidsiek – Gestaltberatung

Wie kann man das in Teams anwenden? Was kann man konkret tun, um diesen Kontakt für das unternehmerische „Wir“ zu fördern?

Das will ich am Beispiel eines Geschäftsführungsteams eines mittelständischen Unternehmens deutlich machen. Ich bekam die Anfrage zur Begleitung mit folgender Situationsbeschreibung:

  • „Wenn wir so weitermachen, schaffen wir es nicht mehr lange.“
  • „Wir fördern durch unser Verhalten das Silo-Denken im Unternehmen, weil wir nicht mehr reden.“
  • „Ich kann teilweise nicht mehr hören, wenn der Kollege etwas sagt.“

Schon einige Berater:innen und agile Coachs waren im Unternehmen – ohne Erfolg. Das brennende Alltagsgeschäft und dann auch Corona befeuerten natürlich die Situation. „Teilweise war dieses Kontaktverbot sogar eine Erleichterung“, beschrieb einer der Geschäftsführer. Eine andere hatte sich aufgrund der offenen Konflikte fest vorgenommen, zu kündigen – das wusste aber zunächst niemand.

Wir begannen also mit unserer Arbeit. Und ich kann alle beruhigen: Es gibt das Unternehmen nach wie vor, alle Geschäftsführer sind noch da und sie arbeiten gemeinsam an sich und ihrer Zukunft. Aber anders und vertrauensvoller als vorher. Wie kam das? Dazu möchte ich Einblicke in einen ganz zentralen Moment des Führungscoachings geben. Wir haben ein Experiment gemacht. Und Achtung: bitte nicht nachmachen; das Experiment birgt viele Voraussetzungen und muss gut begleitet werden. Außerdem muss es im richtigen Moment genutzt werden. Die Aufgabe? Nichts anderes als sich als Team im Kreis aufzustellen.

Das Experiment mit dem Geschäftsführungsteam beginnt

Das Team stellt sich im Kreis auf, jeder kann jeden sehen, man schaut sich in die Augen und lässt das erst einmal schweigend auf sich wirken. Welche Gefühle löst das in einem selbst aus? Welche Gedanken kommen? So bleiben wir ein paar Minuten in der Runde. Dann fordere ich dazu auf, dass eine Person freiwillig den Kreis mit einem großen Schritt nach hinten verlassen möge. Ist das getan, spüren alle wieder. Und dann frage ich die Personen im Kreis, wie es sich in der neuen Konstellation anfühlt – und später natürlich auch diejenige, die den Kreis verlassen hat.

Was in dem Moment ausgesprochen wird, ist wirklich unglaublich – von „ich vermisse sie“ über „das verletzt mich“, „das macht mir Angst“ bis hin zu „Ich denke, ihr geht es gut und für mich ist das auch okay so“. Und auch die Person, die außen steht, erlebt das Außensein unterschiedlich, sie kommentiert einfach. Themen werden dann ausgetauscht, die vorher nicht ausgesprochen waren, die Zusammenarbeit aber extrem blockierten – und nun gelöst waren und besprochen werden konnten. Da kommen natürlich auch schwierige Themen hoch, weswegen wie schon betont, der Einsatz sehr gut bedacht werden sollte. Nach dem Erleben kommt die Person wieder in den Kreis und eine andere geht heraus, bis alle diese Situation einmal erlebt haben.

Das Experiment führt das Team wieder zusammen und ermöglicht ein echtes „Wir“

Das Experiment klingt vielleicht banal und, zugegeben, vielleicht auch ein wenig nach Psychotherapie, aber die Wirkung ist phänomenal! Eben weil man nicht auf der Verstandsebene Sachverhalte und Businesssituationen diskutiert, sondern einfach nur spürt und: miteinander in Kontakt kommt. Im Falle des Unternehmens kam durch das Experiment ans Licht, dass einer der Gründer das Team verlassen wollte. Aufgrund der vorher vorherrschenden Spannungen hat er seine Gedanken mit niemandem geteilt. Wann auch, wie auch, im täglichen Hamsterrad und nahezu null gemeinsamer Zeit? Die anderen stellten im Experiment fest, dass der „Abtrünnige“ ein Riesenloch reißen würde, das sie nur schwer oder gar nicht füllen können oder wollen. Und auch die anderen festigten ihre Rolle, z.B. dadurch, dass sie merkten, dass sie ihre Themen in diese Runde bringen konnten und aufgefangen wurden. Dieser Prozess ermöglicht Zusammenwachsen und stärkt für die gemeinsame Zukunft.

Natürlich kann auch das Gegenteil erzeugt werden: Ich bemerke, dass ich wirklich nicht mehr in dieses Team gehöre. Eine wichtige Erkenntnis, die auch geklärt werden will. Wichtig ist noch: Ich fordere jeden vorher auf, zu überlegen, was er oder sie wirklich sagen möchte und im Zweifel auch lieber zu schweigen und behutsam mit sich zu sein. Die Erkenntnis wirkt und wird auch im Nachhinein zu bewussten Konsequenzen führen.

Das kann die Gestaltberatung für Ihr Team leisten

Grundvoraussetzung ist wie bei allen Coachings der Mut, zum einen anzuerkennen, dass etwas im Argen liegt oder man wegen Corona oder anderer Gründe den Kontakt zueinander verloren hat, und zum anderen dann den Schritt zu machen, sich professionelle Hilfe zu holen. Extern ist zwingend nötig, um das Ganze von einem Außenstehenden anleiten und moderieren zu lassen und sich nicht zu verzetteln. Außerdem erfordert das Experiment sicher auch ein gewisses Mindset, um sich darauf einzulassen. Wie gesagt liegt der Kern darin, mit sich selbst und dem Team in Kontakt zu kommen, und das nicht – wie sonst oft üblich – am Businessalltag orientiert und auf der Verstands-, sondern auf einer ganz anderen Ebene.

Ist man dazu bereit, kann die Gestaltberatung Erstaunliches bewirken, den Zusammenhalt von Teams – auch hybrid – stärken und wie im Fall des mittelständischen Unternehmens sogar den Bruch eines Teams verhindern. Das Konzept funktioniert sowohl für große als auch für kleine Teams.

Und? Läuft in Ihrem Team alles rund? Und sind Sie mutig genug, sich den Herausforderungen zu stellen? Dann kontaktieren Sie mich gerne! Übrigens: Als Patin des von mir hochgeschätzten Magazins Neue Narrative, habe ich noch ein paar Exemplare der Ausgabe „Gute Arbeit braucht gute Beziehungen“. Auch das sende ich Ihnen gerne kostenlos zu. Schreiben Sie mir einfach oder rufen Sie mich an.

 

Titelbild von geralt – Pixabay